Kulinarischer Dadaismus 

Wandparolen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Statt „Keine Macht für niemand“ oder „Luxus für alle“ heißt es heute „Senf ist super“ oder „Essen Sie mehr Wirsing“.

In der aktuellen Ausgabe der Stadtteilzeitung St. Pauli selber machen spricht sich eine Anwohnerin für das Cornern und den Erhalt der zahlreichen Kioske aus, die vielen Gastronomen ein Dorn im Auge sind, weil es davon einfach zu viele rund um Hamburgs Vergnügungsmeile gibt — worüber bereits 2017 im Reeperbahn-Talk der Gastro Vision diskutiert wurde. Neben dem Argument, dass sich viele Jugendliche keine teuren Getränke in den Gaststätten und Restaurants von St. Pauli leisten könnten, begründet die Autorin ihr Plädoyer für den Erhalt der Spätis damit, dass dort auch tiefgefrorener Wirsing angeboten werde.

Wirsing? Ist das nicht dieser Kohl mit den kraus gewellten Blättern, der früher als Arme-Leute-Essen galt? War Wirsing plötzlich hip geworden und uns war das nicht aufgefallen, weil wir uns viel zu sehr mit Chiasamen, Goji-Beeren und anderen Superfoods beschäftigt hatten?

Wandparole in Hamburg

Kurz darauf entdeckte ein Investigativreporter des Gastro Vision Magazins im Hamburger Stadtteil Ottensen die Aufforderung: „Essen Sie mehr Wirsing“. Doch bei dieser Parole blieb es nicht, schon bald konnte er weitere entdecken, mit denen jemand die Hauswände je nach Gusto verziert oder beschmiert hatte: „Senf ist super“ oder „Ketchup auch“. Was war bzw. ist da los?

Wer wollte da widersprechen?

Stets um Aufklärung bemüht, fragten wir via Facebook, wie diese Parolen zu verstehen sind — als Zeichen einer Entpolitisierung der Jugend oder als feinsinnige Kritik der üblichen Wandparolen wie „Keine Macht für niemand“ oder „Weg mit …“? Kommentiert wurde unsere Frage ungewöhnlich oft. Mal hieß es, der Aufruf, mehr Wirsing zu essen, sei eine Parole der rechten identitären Bewegung, und mal, dass es sich dabei um ein sinnbefreites Graffiti handele. Ein Kommentator meinte, dies Aufforderung, mehr Wirsing zu essen, sei ein Ausdruck des Überschusses von Energie. Ein anderer wies darauf hin, dass Wirsing ein Krebskiller sei. Und ein dritter, dass sich Wandparolen in Richtung kulinarischer Dadaismus entwickelt hätten. Doch in einem waren sich fast alle Facebook-Freunde einig: „Wirsing mit Senf ist mehr als super.“

Aus der Mode gekommene Parole der 68er

Was es mit diesem bizarren Kult auf sich hat, ist uns zwar immer noch nicht klar, doch damit steht das heimliche Motto der Gastro Vision 2019 fest: Je suis Wirsing. Auf Deutsch: Ich bin ein Kohlkopf.