Wie man es schafft, dass Werbern das Lachen vergeht

Eine Werbekampagne für den Kräuterlikör Fernet Branca legt den Finger auf eine Wunde, für die eine große Werbeagentur verantwortlich ist. Ausgerechnet die Werbebranche fühlt sich davon diskriminiert.

Jahrelang hatten sich Anwohner im Hamburger Stadtteil Ottensen gegen einen Neubau der weltweit größten Werbeholding WPP gewehrt und sich per Bürgerentscheid sogar dagegen ausgesprochen, weil dort eigentlich Sozialwohnungen gebaut werden sollten und die Ansiedlung von 800 Werbern das Sozialgefüge des Stadtteils auf den Kopf stellen würde. Die Werber, denen es in der HafenCity offenbar zu langweilig war, setzten sich aber durch, indem sie drohten, den Firmensitz nach Berlin zu verlegen. Woraufhin Bezirk und Senat klein beigaben, um keine Arbeitsplätze zu gefährden.

Ausgerechnet eine Werbekampagne für den Kräuterlikör Fernet-Branca griff den Konflikt nun erneut auf, indem in der Nähe des neuen „Werbetempels” gleich eine ganze Hauswand mit einem neuen Motiv verziert wurde: „Früher gab es hier ehrliche Arbeiter. Jetzt gibt es Werber.” Für Raphael Brinkert, den Chef der Werbeagentur Jung von Matt, war die Platzierung „schlichtweg eine Frechheit”, weshalb er sich beim deutschen Werberat darüber beschwerte, dass dadurch die Berufsgruppe der Werber diskriminiert würde.

Life is bitter

Darüber spricht man nicht

Wolf Ehrhardt von der Werbeagentur Pilot, die sich die Fernet-Branca-Kampagne ausgedacht hat, nahm es jedoch gelassen: „Die von Pilot umgesetzte ‚Life is bitter‘-Kampagne für Fernet-Branca hat innerhalb kürzester Zeit für überraschend starke Reaktionen im Social Web gesorgt. Als verantwortliche Agentur freuen wir uns über den starken Buzz – schließlich ist die Kampagne resonanzgetrieben und will mit einem humorvollen und kreativen Augenzwinkern durchaus auch provozieren.” Und auch Tina Ingwersen-Matthiesen von der Fernet-Branca-Mutter Borco weist den Vorwurf der Diskriminierung zurück. Es liege in der Natur dieser Kampagne, anzuecken und die Menschen zum Schmunzeln zu bringen. Und das passiere stets mit Selbstironie, da der Claim „Life is bitter” nicht nur die Bitterkeit bestimmter Situationen, sondern auch die Bitterkeit des beworbenen Kräuterlikörs in den Vordergrund rücke.

Mit der Kampagne erregt Fernet-Branca schon seit längerem Aufsehen. Als plakatiert wurde: „Du wirst befördert und versetzt nach Magdeburg — Life is bitter”, antworteten darauf Scherzbolde: „Sei froh, denn hier trinkt man Schierker (Feuerstein).” Soweit bekannt hatte Brinkert sich über diese „Diskriminierung” einer ganzen Stadt nicht beschwert.

Ja, das Leben ist manchmal schon bitter. Nicht nur für Werber, die offenbar doch nicht so cool und lässig sind, wie sie immer tun, sondern auch für Anwohner, in deren Viertel 800 Werber die Preise in den Cafés, Bars und Restaurants sowie die Mieten hochgetrieben haben und das Sozialgefüge drastisch verändern. Was im Übrigen auch passieren würde, wenn sich weitere 800 Steuerberater, Zahnärzte oder Friseure in dem gentrifizierten Arbeiterstadtteil niederließen, die es in der neuen Werbehochburg ebenfalls schon zur Genüge gibt.

P.S. Der Autor dieses Beitrags lebt seit fast 25 Jahren in Ottensen.