Aktuelle Wochenschau

Kaffee ist der neue Wein. Sterneköche leiden unter psychischem Druck. Die Milch wird knapp. Der Einkaufszettel der Jamaika-Koalition. Die Gastgeberin des Jahres. Wer nicht frühstückt, lebt gefährlich. Neue Fangquoten für Fische. Die Woche im Überblick.

Die Süddeutsche Zeitung hat nun auch den „Third wave coffee” entdeckt, allerdings nicht in München, sondern in Berlin, der „Hauptstadt der neuen Kaffeekultur”. Im ehemaligen Café Kranzler auf dem Kudamm, wo einst Hildegard Knef, Harald Juhnke und die Wilmersdorfer Witwen Sahnetorten aßen, treffen sich nun sonntags die Hipster zum Cupping, dem Kaffeeverkosten. Der „Speciality coffee” wird dort aber nicht in Kapselform durch einen Automaten gejagt, sondern wie zu Großmutters Zeiten gefiltert, weil man so den größten Einfluss auf den Geschmack ausüben könne. Und weil er alles andere als billig ist, behauptet die SZ, sei Kaffee der neue Wein. Na toll. Und was wird nun aus den Wilmersdorfer Witwen?

Kaffee ist der neue Wein

Kaffee ist der neue Andy Warhol, äh, Wein

Abgang der Sterne-Köche

Die steigenden Erwartungen von Gästen, die Kritk von Restauranttestern und „die Unwucht bei der Work-Life-Balance” sorgen dafür, dass immer mehr Sterne-Köche ihre Sterne freiwillig abgeben und lieber ein Imbisslokal eröffnen oder sich als Caterer verdingen, statt sich weiterhin psychischem Druck auszusetzen. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” hat noch ein paar weitere Gründe für diesen Trend ausgemacht: Vor allem hierzulande sei die Küche extrem aufwendig in puncto Personal und Service, der Weinkeller zu groß ausgestattet, und die Geselligkeit leide oft darunter, dass die Gäste nicht nebeneinander, sondern an Einzeltischen platziert würden.
Wie schön, dass es da noch einen „Wohlfühlort” wie die Auberge de Temple im Spessart gibt, in der die Gasthaus- mit der Sterneküche zusammengelegt wurde und der von der Gastro Vision bestens bekannte Ludger Helbig sehr flexibel auf die kulinarischen Wünsche seiner Gäste eingeht: „Heutzutage gehen die Leute mehr und öfter raus, um gut zu essen, aber sie wollen dabei nicht etliche Stunden im Restaurant verbringen. Das große mehrgängige Sternemenü ist eher was für die speziellen Tage — den Hochzeitstag, den runden Geburtstag — ein besonderes Ereignis eben.”

Ludger Helbig

Ganz entspannt auf der Gastro Vision — Sternekoch Ludger Helbig

Milch für Millennials

Glaubt man Peter Tuborgh, dem Chef des weltweit siebtgrößten Molkereikonzerns Arla, könnte es Weihnachten knapp werden mit Milchprodukten. Denn seit der Abschaffung der EU-Quoten vor zwei Jahren sind die Preise für Milch so sehr gesunken, dass es sich für viele Bauern nicht mehr gelohnt hat, Kühe zu halten, obwohl die Preise inzwischen wieder gestiegen sind. Arla testet deshalb auf ausgesuchten Märkten „Sprudelmilch”, eine „pink gefärbte Milch, die mit Kohlensäure aufgejazzt” wird, wie Peter Praschl in der „Welt am Sonntag” berichtete. Längst gibt es zwar nicht nur Soja-, Kokos-, Reis- oder Mandelmilch, sondern auch welche aus Quinoa, Cashewkernen, Hanf und Erbsen, doch dafür hat Praschl zurecht nur Hohn und Spott übrig: „Wer Latte macchiato mit Sojamilch bestellt, hat seinen Geschmackssinn nicht wirklich unter Kontrolle und könnte es sich ersparen, sein Geld für superkalibrierte Röstungen auszugeben, die durch Pflanzenmilchtunke ohnehin verdorben werden.” Mandelmilch schmecke eben nach Mandeln, Reismilch nach Milchreis, Kokosmilch passe in Thai-Currys und Quinoamilch sei ohnehin eine alberne Idee.
Über „Das System Milch” informiert auch aktuell ein Film des Südtirolers Andreas Pichler, der in ausgewählten deutschen Kinos läuft und zeigt, warum immer mehr afrikanische Milchbauern ihre Höfe aufgeben müssen — weil die Hochleistungsmilchindustrie so billiges Milchpulver produziert, dass sie ihre Milch nicht mehr loswerden und keinen Ausweg mehr sehen, als nach Europa zu flüchten. Vielleicht sollte die CSU mal eine Obergrenze für den Export von Milchpulver fordern, um das „Flüchtlingsproblem” einzudämmen.

Milch

Nicht die Milch, sondern der Mix macht’s

Jamaikanischer Warenkorb 

Einen „überparteilichen Einkaufszettel” für die Jamaika-Koalition hat Adriano Sack verfasst, damit die Erzfeinde von gestern zu Ministerkollegen umprogrammiert werden können. Sein Warenkorb, den er für „Die Welt” zusammengestellt hat, enthält neben Olivenöl („am liebsten vom Landgut der Eltern oder guten Freunde in der Toskana/Griechenland/Kalabrien“) und einer Chemex- Kaffeefilterkanne („Weil die Profiespressomaschine wegen Prätentionsverdacht verschrottet werden musste”) auch einen einfachen Riesling des Winzers Jochen Dreissigacker (oder von irgendeinem anderen Lieblingswinzer). Allein an etwas Gras wurde nicht gedacht, obwohl die Jungen Liberalen sich für eine Legalisierung von Marihuana einsetzen und auch die Grünen wohl nichts dagegen hätten. Vielleicht wollte man aber auch die Koalitionsverhandlungen nicht unnötig in die Länge ziehen, weil Mutti davon immer so müde wird.

Jamaica_coa

Die Bars des Jahres

Jan Jehli, der Chef der Freiburger Cocktailbar One Trick Pony, wurde von der Zeitschrift Mixology nicht nur zum Mixologen des Jahres gekürt, sondern auch für die Barkarte des Jahres und in der Kategorie „Neue Bar des Jahres” ausgezeichnet. Sein Motto: „Jeder Gast soll glücklicher aus der Bar gehen, als er hineingekommen ist.“ Wenn er dann noch gehen kann.
Zur Gastgeberin des Jahres wurde hingegen Bettina Kupsa gewählt, deren Chug Club auch noch „Bar des Jahres” wurde.
Unter den 100 besten Bars der Welt, die alljährlich von dem Londoner Verlag William Reed ermittelt werden, finden sich indes nur drei deutsche Bars: das Münchner Schumann’s, dessen Macher Charles Schumann auf der Insel als „berühmtester Bartender Deutschlands” gilt, Buck and Breck in Berlin und Circle by Cihan Anadologlu.

Geheimfavoritin: Betty Kupsa vom Hamburger Chug Club

Gastgeberin des Jahres — Betty Kupsa vom Hamburger Chug Club

Frühstück ist gut gegen Atherosklerose

Wer nicht frühstückt, raucht in der Regel auch, trinkt mehr Alkohol, isst unregelmäßiger und nimmt mittags mehr Kalorien zu sich. Das ergab eine Studie, für die 4.000 Spanier und Spanierinnen zwischen 40 und 54 Jahren nach ihren morgendlichen Essgewohnheiten gefragt wurden. Eine direkte Auswirkung des Frühstück auf die Gesundheit wurde zwar nicht festgestellt. Unter den 63 Prozent der Teilnehmer, die leichte Anzeichen für Atherosklerose zeigten, befanden sich jedoch verhältnismäßig viele, die auf ein Frühstück verzichteten, sodass die Studie von einem Zusammenhang zwischen dem Weglassen des Frühstücks und einer Verhärtung der Arterien ausgeht. Bei Atherosklerose handelt es sich um krankhafte Einlagerungen von Cholesterin und anderen Fetten, die die Gefäße verengen, die Sauerstoffversorgung der Organe beeinträchtigen und zu Schlaganfällen oder Herzinfarkten führen können. Also immer schön frühstücken, Freunde!

Frühstück

Wer nicht frühstückt, lebt gefährlich

Galgenhumor

Dass sich die EU-Fischereiminister am Dienstag auf eine Verringerung der Fangmengen von Heringen, Schollen, Dorsch und Lachs geeinigt hätten, berichtete Spiegel Online noch am selben Abend. Aber was heißt schon „geeinigt”? Die Kürzungen blieben unter den Forderungen oder Vorschlägen von Anrainerstaaten oder der EU-Kommission zurück, teilte das deutsche Landwirtschaftsministerium erfreut mit. So würde die Fangquote für Heringe aus der westlichen Ostsee nur um 39 Prozent gesenkt und die für den Dorsch aus der östlichen Ostsee um 8. In der gesamten Ostsee sollen nächstes Jahr 10 Prozent weniger Schollen und  5 Prozent weniger Lachs gefischt werden.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte postwendend die „Überfischung” und wies auf die Aal-Bestände hin, die vor dem Aussterben bewahrt werden müssten. Die EU-Kommission hatte ein Aalfangverbot gefordert, die Fischereiminister hatten das aber abgelehnt, um im Dezember eine „gesamteuropäische Lösung” suchen zu können.
Für besorgniserregend hält die Naturschutzorganisation WWF wiederum die Situation der deutschen „Brotfische”. Bei den hauptsächlich von Deutschland und Dänemark bewirtschafteten Dorsch- und Heringbeständen hätten die Minister die Bestandserholung bisher nicht in den Griff bekommen, so die WWF-Fischereiexpertin Stella Nemecky. „Die diesjährige Entscheidung ist zwar ein guter Schritt, wird aber das Ziel der Fischereipolitik, bis 2020 gesunde Bestände zu erreichen, verfehlen.”
Allein die kleine Sprotte kann sich freuen: ihre Fangquote wurde um 1 Prozent erhöht. So was nennt man dann wohl Galgenhumor.

Lachs hats

Ziel der Jamaika-Koalition:  5 % weniger Lachshäppchen?