Ohne Trinkgeld geht nichts mehr

Dass ein Postbote „wie ein gehetztes Wild den ganzen Tag treppauf, treppab“ laufen müsse, ohne ein Trinkgeld dafür zu erhalten, erboste einst den Juristen Rudolf von Jhering so sehr, dass er eine Streitschrift gegen das Trinkgeld für Kellner verfasste. Die daraufhin gegründete Anti-Trinkgeld-Liga versank zwar schon bald wieder in der Versenkung, doch das Thema ist nach wie vor umstritten.

Kämpften die Gewerkschaften einst noch für trinkgeldfreie Betriebe, damit Servicekräfte nicht ihre Würde verlieren, wollen auch sie heute nicht mehr auf Trinkgelder verzichten, weil das Gehalt von Angestellten oft gerade mal für die Miete reicht und diese ohne Schwarzgeld nicht überleben können. Im Gegensatz zu den USA, wo Kellner oft kein festes Gehalt bekommen, sondern allein vom Tip leben, war es in Deutschland lange Zeit nicht üblich, die Restaurantrechnung aufzurunden. Doch auch das hat sich geändert, weil viele Betriebe nur den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn zahlen, knapp 1600 Euro brutto, oder Berufsanfänger gerade mal 1639 Euro (in Meck-Pomm) oder 2254 Euro (in Bayern) verdienen und die Branche, so Ralph Bollmann in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, ihr Geschäftsmodell auf Almosen baue.

10 Prozent Trinkgeld sind Usus im Restaurant

Immer häufiger tragen Servicekräfte deshalb T-Shirts mit der Aufschrift „Tipping is not a Town in China“. Und längst hat es sich auch hierzulande eingebürgert, zehn Prozent Trinkgeld zu geben, das Kellner, Barkeeper und Köche sich oft teilen oder von Gastronomen ganz einbehalten wird, weil sie durch die Einführung des Mindestlohnes ja höhere Ausgaben hätten. Zudem müssen Trinkgelder seit 2002 nicht mehr versteuert werden — vorausgesetzt, sie werden freiwillig gezahlt als Ausdruck der Wertschätzung des Kellners und landen nicht in der Kasse des Arbeitgebers.

Immer öfter weisen aber auch Gastronomen auf der Rechnung darauf hin, dass die Bedienung nicht im Preis inbegriffen ist — Service is not included. Und mitunter drücken sie auch ihren Unmut gegen die ihrer Meinung zu hohe Besteuerung aus: „Das Finanzamt freut sich riesig, heute mit Ihnen am Tisch gesessen zu haben. Von Ihren 5.19 EUR wird zum Beispiel der Berliner Flughafen gebaut, Banken gerettet, Politiker honoriert & Grosskonzerne liebkost. Vielen Dank dafür!“