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Mit den Augen eines Kellners beschreibt Matias Faldbakken in seinem Roman „The Hills“ den Untergang des alten Europas und eine Welt im Wandel.

Das Osloer Restaurant The Hills existiert schon seit fast 150 Jahren, doch auch an ihm zieht die moderne Zeit nicht spurlos vorbei, wie sein Oberkellner leidvoll erkennen muss. Der alte Johansen sitzt noch immer am Flügel auf der Empore und spielt Bachs „Kaffeekantate“ oder Pachelbels „Kanon für drei Violinen und Basso continuo“. Die Barchefin gleicht einer Sammlerin von Schallplatten und hat eine vollständige Kartei aller Café- und Restaurantbesucher im Kopf. Der Koch hackt schweigend in der Küche vor sich hin, deren Decke nach all den Jahren so schwarz ist wie ein Abgrund. Die Ringe unter den Augen des Maitre D‘ sind so groß wie die dänischen Zinnteller aus dem Jahr 1789, die im Keller des Restaurants lagern. Und dann sind da noch die Stammgäste: ein Geschäftsmann, der von den Angestellten nur „das Schwein“ genannt wird und jeden Tag im Hills Hof hält, der stets extravagant gekleidete Blaise, die Witwe Knipschild, die nicht vom Portwein lassen kann, oder Tom Sellers, der dem Hills schon so manches, inzwischen angegilbte Kunstwerk geschenkt hat, aber bestreitet, jemals der Szene um Kippenberger angehört zu haben.

Der Kellner alter Schule wahrt stets ein angenehmes Maß an Unsichtbarkeit und drängt sich nie in den Vordergrund, registriert zurückhaltend das Geschehen um ihn herum und macht sich seine Gedanken, ohne sie jemandem aufzudrängen, und muss schließlich doch erkennen, das es vor dem Eindringen der Moderne ins Hills, die in Gestalt der Kindsfrau das altehrwürdige Restaurant zusehend verwandelt, kein Entrinnen gibt.

Mit seinem Roman „The Hills“ erweist sich der norwegische Künstler und Autor Matias Faldbakken („The Cocka Hola Company“) als präziser Beobachter der Gesellschaft und der Veränderungen, denen sie unterworfen ist, ohne den Wandel zu bedauern oder zu begrüßen. Faldbakken zeichnet so ein Bild unserer Welt, das auch die Existenz eines Kellners ins Wanken bringt, der eisern an Traditionen festhält, um nicht unter die Räder zu kommen. Und hat uns damit einen Roman geschenkt, der sich mit einer Frage beschäftigt, über die man zu Ostern einmal nachdenken könnte: Was geschieht, wenn die alte Welt zerbricht?

Matias Faldbakken — The Hills (22 Euro, 238 Seiten, Heyne Encore)