Kunst & Design

In diesem Herbst schließt der Discounter Aldi seine Umstellung von Einwegtüten auf Mehrwegbeutel ab, und damit verschwindet auch eine Plastiktüte aus dem öffentlichen Gesichtsfeld, die lange Zeit mit Gastarbeitern und Hartz-IV-Empfängern verbunden wurde — die Aldi-Tüte.

Als der abstrakte Maler Gunter Fruhtrunk zu Beginn der 1970er-Jahre von Aldi Nord den Auftrag erhielt, eine Einkaufstüte aus Plastik zu gestalten, soll er seinen Studenten an der Münchener Akademie, wo er seit 1967 Kunst unterrichtete, gebeichtet haben: „Ich habe gesündigt.” Anschließend, so wird kolportiert, habe er ein symbolisches Bußgeld in Höhe von 400 Mark in die Kaffeekasse eingezahlt, weil sich Kunst und Design nicht vertragen würden. Während er sich 1982 selbst das Leben nahm, aber nicht deswegen, überlebte die von ihm gestaltete Alditüte mit dem blau-weißen Diagonalmuster jedoch und wurde fast 30 Jahre später sogar von dem Rapper Sido besungen: „Ich hau jetzt einfach ab, denn ich kann den Scheiß hier nicht mehr sehen. Ich fahr‘ in Urlaub mit ’ner Aldi-Tüte, nur ’ne Stulle und ’ne Capri-Sonne, ich hau jetzt ab von diesem Scheiß, ich will was sehen.”

Mehrwegtasche von Aldi Nord

Für den Autor und Kunsthistoriker Florian Illies („Generation Golf”) war Fruhtrunks Kunst hingegen Teil des „ästhetischen Wiederaufbauprogramms”  Deutschlands und der Künstler selbst ein inoffizieller Staatskünstler der sozialliberalen Bundesrepublik. „Anders als bei dem Maler und Grafiker Anton Stankowski, der sich 1972 mit seinem Entwurf für das Logo der Deutschen Bank („Schrägstrich im Quadrat”) durchsetzte oder Victor Vasarely, der 1972 ein Rauten-Logo für den französischen Autokonzern Renault entwickelte, erzeugte Fruhtrunks Aldi-Entwurf”, so Kito Nedo in der „Süddeutschen Zeitung”, jedoch einen „ästhetischen Feedback-Loop, der die Wahrnehmung seines Werks belasten sollte: Nicht Aldi erinnerte an Fruhtrunk, sondern Fruhtrunk-Kunst erinnert an Aldi.” Da half es auch nicht, dass Fruhtrunk 2011 mit der Ausstellung „I love Aldi”, die aufzeigte, dass auch die abstrakten Bildmarken und die einprägsamen Grundfarben der Logos von Lidl, Penny oder Ikea von der konkret-konstruktiven Kunst der 1970er-Jahre inspiriert waren, sozusagen rehabilitiert wurde.

Manuel-Neuer-Tasche von Aldi Süd

Mit der Gestaltung der Aldi-Tüte war Fruhtrunk wohl vom 2012 verstorbenen Aldi-Nord-Chef Berthold Albrecht beauftragt worden, der nicht nur Oldtimer gesammelt haben, sondern auch ein Kunstliebhaber gewesen sein soll. Was seine Nachfolger aber nicht davon abhält, die Aldi-Tüte nun sang- und klanglos aus dem Verkehr zu ziehen. Und auch bei Aldi Süd wurde sie längst ersetzt — beispielsweise durch eine Manuel-Neuer-Tasche, die 79 Cent kostet. Allein bei eBay gedenkt man noch der guten alten Aldi-Tüte — dort wird eine aktuell bis Donnerstag dieser Woche versteigert. Bei Redaktionsschluss wurden bereits 1,50 Euro geboten.