Roman zum Wochenende

In der Gastro Vision Bibliothek stellen wir von Zeit zu Zeit Bücher vor, die vom Essen und vom Trinken handeln oder in denen Restaurants, Bars und Hotels eine wesentliche Rolle spielen. Unser Roman zum Wochenende stammt von der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang und erinnert mit seinem unaufgeregten und scheinbar gleichmütigen Stil an  die Werke von Haruki Murakami.

Bevor seine Frau Yeong-hye zur Vegetarierin wurde, fühlte sich ihr Mann weder von ihr angezogen noch abgestoßen, weil sie „völlig unscheinbar“ war. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme kamen ihm jedoch sehr gelegen, weil er sie nicht intellektuell beeindrucken musste, um sie für sich zu gewinnen — und weshalb er sie letztlich heiratete. Eine Zeit lang ging dies auch gut. Sie arbeitete in einem Büro und hegte keinerlei Amibitionen, Karriere zu machen, und daheim ging sie leidenschaftslos, aber pflichtbewusst ihren Aufgaben nach, kochte für ihren Mann und gab sich ihm gelegentlich hin, weil auch dies zu einer eintönigen Ehe gehörte.

b5-buch-tipp-134_v-img__3__4__xl_-f4c197f4ebda83c772171de6efadd3b29843089f

Doch dann hat Yeong-hye einen Traum, und als ihr Mann sie nachts im Dunkeln vor dem Kühlschrank vorfindet, ist sie gerade dabei, den Schweinebauch und die Rinderfilets, den Aal und den gepökelten Trockenfisch, den sie im Gefrierfach aufbewahren, zu entsorgen.

Yeong-hye magert zunehmend ab und schläft auch nicht mehr mit ihrem Mann, weil der nach Fleisch riecht. Alles Zureden und selbst der Versuch ihres Vaters, sie mit aller Gewalt wieder zum Verzehr von Fleisch zu zwingen, bezwecken jedoch nur das Gegenteil. Yeong-hye verzichtet darauf, einen BH zu tragen und streckt ihre nackten Brüste der Sonne entgegen, weil sie die Photosynthese wie eine Pflanze braucht, um am Leben zu bleiben. Am Ende landet sie in der Psychiatrie.

Als der Roman „Die Vegetarierin“ 2007 in ihrer Heimat Südkorea erschien, galt der Vegetarismus dort noch als Subversion, die die strengen sozialen Normen infrage stellte. Nachdem er im Mai mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde und zum internationalen Bestseller wurde, fand sich jedoch auch im nicht weniger fleischversessenen Deutschland ein Verlag, der die kafkaeske Absage an den Fleischkonsum übersetzte. Was denn doch zu denken geben sollte, lebt seine Autorin, die Südkoreanerin Han Kang, doch schon seit langem in München, wo sie als Übersetzerin tätig ist.

 

Han Kang — Die Vegetarierin (Aufbau Verlag, 190 Seiten, 18,95 Euro)