Pilsken und Quätschchen

In Berlin nennt man sie wegen ihrer langen Öffnungszeiten Späti, im Ruhrgebiet schlicht Bude, in Köln verniedlichend Büdchen und in Frankfurt/Main Wasserhäuschen — seit mehr als 150 Jahren gehören Trinkhallen zum Stadtbild wie der Ratskeller, die Einkaufspassage oder der Bahnhofsvorplatz. Dabei wurden die ersten Trinkhallen Mitte des 19. Jahrhunderts von Mineralwasseranbietern zunächst in Industriestädten gegründet, weil das Leitungswasser ungenießbar war und um der Trunksucht von Fabrikarbeitern entgegenzuwirken, die damals noch während der Arbeit Bier und Branntwein trinken durften und ihren Lohn zum Teil in Form von Alkohol ausbezahlt bekamen.

Als viele Trinkhallen im 20. Jahrhundert ihr Angebot nach und nach auf Lebensmittel, Süßwaren, Tabak, Zeitschriften und Alkohol ausweiteten, blühten sie jedoch erst richtig auf, weil sie ihren Kunden die Möglichkeit boten, sich nach Ladenschluss noch mit dem Nötigsten zu versorgen. Und insbesonders im Ruhrgebiet wurden sie auch zum sozialen Treffpunkt, zu einem Dorf in der Großstadt, in dem man ein Pilsken trinken und ein Quätschchen halten konnte — bis Tankstellen ihnen Konkurrenz machten und die Ladenschlussgesetze 1996 schließlich gelockert wurden.

Mit dem 1. Tag der Trinkhallen will man im Ruhrgebiet unter dem Motto „Kumpels, Klümpchen & Kultur“ am 20.8. denn auch in erster Linie an ihren sozialen Aspekt erinnern — mithilfe von Poetry Slams, Kabarett und Kleinkunst, Live-Musik und DJs. Sogar Radtouren, die von einer Bude zur anderen führen, werden von der Fremdenverkehrszentrale Ruhr.Tourismus angeboten.

 

Foto: Reinaldo Coddou